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Benno Ammann

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Komponist im 20. Jahrhundert

Porträt von E. Wolf, 1952

Aus "Musik der Zeit, Heft 10 - Schweizer Komponisten" (1955) von Benno Ammann

... Als Komponist war ich schon längst zur freien Tonalität und zur Dodekaphonik vorgedrungen, ohne mir zu verbieten, im alten Stile zu schreiben. Heute macht mir jede Regression grösstes Unbehagen. Unser Musikleben ist gespalten, und der schaffende Musiker sucht Vergangenes und Neues zu verschmelzen, aus Furcht, nicht verstanden oder abgelehnt zu werden. Ohne mit vielen und mannigfachen Problemen jahrelang zu ringen, kommt man zu keiner Lösung und diese wiederum kann man nicht durch Konzessionen preisgeben. In den vielen Strömungen: Leuchtturm und Zentrale Darmstadt! ...

Lebendig-persönliche und verbindliche Aussage ist mir ebenso wichtig wie kontrapunktische und rhythmische Durchdringung des Tonsatzes oder Lösung eines kompositorischen Problems an sich im Bereich des melodischen oder harmonischen Duktus. Innere Unabhängigkeit und Freiheit auch von einem neuen "Tonmaterial" bilden ein notwendiges Gegengewicht zu einer bedrohlichen Erstarrung von Seiten der Materie oder naturgesetzliche technische Entwicklungen. Der menschliche Geist schafft auch hier Neues und öffnet neue Welten. Systeme kommen und gehen. Das atemraubende Tempo der Entwicklung, die ständige Bewegung und Erneuerung ist, wie im Kosmos, so auch in der Musik, Tatsache, die wir intensiver wahrnehmen als in früheren Epochen. Nähern wir uns einer mythischen, ja kultischen Epoche der Musik? Auch wenn unsere Musikkultur ins aperspektivische Zeitalter hinüberragt und neue Erfindungen der Physiologie und Technik ein neues Weltbild der Musik schaffen und ihre Existenz völlig umgestalten, so wird sich vielleicht der Mensch doch nach Jahrhunderten wieder früheren Epochen und noch tieferen Schichten zuwenden, um aus ihrer Wiederentdeckung eine neue Synthese und Blüte der Weltmusik aufzubauen.

Das uns heute zunächst Liegende, die noch im breiten Umfange wirkenden Entwicklungslinien eines Strawinsky und Bartók, die Stilmittel der "Six", die vielen Schattierungen der Dodekaphonik und punktuellen Musik zeigen eine ungeheure Weite des Horizontes und der Möglichkeiten.

Der Zusammenstoss mit der Volksmusik anderer Kontinente, das Aufnehmen oder teilweise Verschmelzen der Elemente östlicher Musikkulturen, Chinas, Indiens, erweitert die Grenzen, ja verändert womöglich die europäische Musik immer mehr. Auf dem Boden des alten Europa wäre zwar noch genug zu heben und neu zu entdecken!
... die Neumen-Bücher der karolingischen und frühmittelalterlichen Zeit ... oder ... die frühesten Schichten unserer Volksmusik ...

Ich sehe mein kompositorisches Schaffen illusionslos (Bach wies mir den Weg zur musikalischen Realität), als natürliche Evolution, als lange Vorbereitung zu fernen Zielen. Vielleicht wird es Erfüllung, ich hoffe es! ...



Aus "Schweizer Komponisten unserer Zeit" (1993), nach Benno Ammann

Strenge kontrapunktische Uebungen im Satz verschiedener Stilepochen, Emanzipation der Dissonanz und totale Öffnung zu neuer Tonalität, auch ausserhalb des temperierten Systems, akustische Studien und Experimente kennzeichnen den Unterricht meines Lehrers Karg Elert. Nach praktischen Erfahrungen in verschiedenen Musikbereichen (Orchesterdienst, Elektroakustik, etc.) wandte ich mich seit den frühen Darmstädter Ferienkursen zur elektronischen Musik und fand schliesslich zu neuen und eigenen kompositorischen Gestaltungsprinzipien.


Nach "Schweizer Lexikon" (1998)

Anfänglich schrieb er vor allem geistliche Musik im strengen Stil ("Missa Defensor Pacis" zur Heiligsprechung von Niklaus von der Flüe, 1947). Später entstanden Kammermusik- und Orchesterwerke, bis er sich fast ausschliesslich experimenteller und elektronischer Musik zuwandte, wobei vor allem der witzig-spielerische Umgang mit dem Material auffällt. Daneben komponierte Ammann auch musikdramatische Werke, z. B. "Mani sulla città" (Oper, 1986), Ballett- sowie Bühnenmusik und übersetzte Opern von Giuseppe Verdi, François Adrien Boieldieu, Etienne Méhul.