St. Nikolausen-Bruderschaft Gersau

(gegründet 1827)

     Zeitschrift zum 175-Jahr Jubiläum (PDF - 155KB)

Geschichtlicher Abriss über die Entstehung von Bruderschaften:

Das Wesen der Bruderschaften und ihre Veranlassung Im Mittelalter und Spätmittelalter waren die Zünfte, die Gilden und Handwerkerinnungen die hauptsächlichsten Formen des mittelständigen Berufslebens. Und sie alle hatten eine starke Bindung an das kirchlich religiöse Leben. Diesen beruflichen Verbindungen wurde durch die Errichtung von Bruderschaften gleichsam eine religiöse Weihe gegeben.

So besitzt Gersau verschiedene kirchliche Bruderschaften, die mit den Erwerbsgruppen eng verbunden sind. In den Annalen der St. Wendelins-Bruderschaft lesen wir: "Als am Morgen des St. Jakobitages 1593 auf der Gersauer Alp - Gott weiss von welchen Presten - 84 Haupt Vieh tod am Boden lagen, haben die damaligen Älpler weltlichen und geistlichen Rat eingeholt und wussten nichts besseres zu tun, als eine Bruderschaft zu Ehren des heiligen Wendelini, St. Antoni d. Eins. und dem Kirchenpatron St. Marzelli zu gründen und alljährlich am Jakobitag auf Käpeliberg und Holzbühl einen Gedenkgottesdienst zu halten. Am Sonntag nach Gallustag soll das Titularfest in der Pfarrkirche gehalten werden." Die St. Wendelins-Bruderschaft ist also damit die älteste Verbindung dieser Art in der altfryen Republik und reicht bis ins Jahr 1593 zurück.

Kaum 100 Jahre später ist dann die Schützen- oder St. Sebastians-Bruderschaft errichtet worden. Sie greift aufs Jahr 1683 zurück. Im Jahre 1730 wurde die Meisterzunft Gersau gegründet. Es waren die Handwerker und Gewerbetreibenden, die sich zu einer Innung zusammenschlossen. Aber auch sie unterstellten ihre berufliche Verbindung in der St. Anna-Bruderschaft dem Machtschutz Gottes und der Fürbitte der heiligen Mutter Anna.

Einen für Gersau sehr wichtigen und oft auch gefährlichen Beruf übten die Schiffsleute aus. Gersau hatte bis 1865 keine andere Verbindung als den Seeweg. Alle Güter mussten mit dem Schiff, und notabene mit dem Ruderschiff nach Gersau und von Gersau geführt werden. Eine grosse Zahl der Dorfbewohner befand sich daher einen beträchtlichen Teil des Jahres auf dem Wasser, indem sie den Markt in Luzern besuchten, Botendienste verrichteten und den Fremdenverkehr vermittelten. - Da war es fast unvermeidlich, dass sie hie und da von Wind und Wetter vieles zu leiden hatten und sehr oft bei Stürmen in grosse Not gerieten.

Besonders im Jahre 1826 war dies zweimal unmittelbar nacheinander der Fall: Im Sommer jenes Jahres fuhren Schiffsleute aus Gersau an einem Dienstag mit geladenem Schiff nach Hause. Als sie am Meggenhorn vorbei waren, wurden sie von einem schrecklichen Sturme ereilt. Plötzlich umhüllte sie finstere Nacht. Der Sturm tobte, das Wasser raste, die Blitze zuckten hin und her. Leib und Leben, Hab und Gut - alles stand auf dem Spiel. Die Schiffer hatten nichts vor Augen als Tod und Untergang. Angst und Entsetzen liess sie erstarren. In dieser schrecklichen Gefahr, entweder vom Blitz erschlagen oder vom See verschlungen zu werden, machten sie das Gelöbnis, gemeinsam eine Wallfahrt nach "Maria Hilf" vorzunehmen und zu Ehren des heiligen Nikolaus von Myra eine Wachskerze der Pfarrkirche zu vergaben. Und siehe! Sie wurden fast wie durch ein Wunder gerettet. Plötzlich hörte alle Gefahr auf; sie konnten sogar das Segel ziehen und landeten um 4 Uhr wohlbehalten im heimatlichen Dorfe.

Im Herbst desselben Jahres fuhren wieder zwei Schiffer (Anton und Augustin Müller) nach Meggen, um dort Erdäpfel zu holen. Bei der Heimkehr wurden sie unterhalb der "Matt" von einem bösen Sturme überfallen. Die Wellen schlugen in das beladene Schiff und es fing an zu sinken. Kaum gelang es den beiden, über Bord zu springen. Das Schiff ging unter Wasser, schlug um, entleerte sich seiner Ladung und kam umgekehrt mit dem Rücken nach oben wieder an die Oberfläche. Augustin Müller, der als guter Schwimmer sich über Wasser zu hatten wusste, schwamm auf das Schiff zu und kroch auf den Rücken desselben. Anton Müller hingegen sank bis auf den Grund des Sees hinunter, hatte aber das Bewusstsein nicht verloren. In dieser alleräussersten Angst und Not rief er die seligste Jungfrau und den heiligen Nikolaus von Myra um ihre Fürbitte an und gelobte die Lesung einer heiligen Messe. Auch er kam wieder an die Oberfläche, erwischte am Schiffe einen Ruderring und konnte ebenfalls auf den Schiffsrücken kriechen. Endlich wurden die beiden Schiffbrüchigen von der oberen "Matt" aus gesehen und vom dortigen Wirt und seinen Leuten gerettet.

Gründung einer Bruderschaft der Schiffer

Noch unter dem Eindruck der genannten zwei Begebenheiten traten im folgenden Winter einige Handels- und Schiffsleute zusammen und berieten, wie sie sich auch für die Zukunft des Schutzes und der Fürbitte der seligsten Jungfrau und des heiligen Nikolaus würdig und teilhaftig machen könnten. Und sie beschlossen, eine fromme Vereinigung zu bilden und eine freiwillige Opfergabe unter sich zu sammeln zur Abhaltung eines jährlichen Gedächtnisses und zur Anschaffung einer Opferkerze in der Kirche. Auch erliessen sie eine diesbezügliche freundschaftliche Einladung an alle wohlgesinnten Bürger. Und diese Einladung fand Anklang; denn am 18. Februar 1827 kamen elf Männer zur konstituierenden Sitzung der frommen Verbrüderung zusammen.

Die Namen dieser elf Stifter heissen:

  1. Herr Sebastian Rigert, Seilermeister, Ausserdorf
  2. Herr Alois Camenzind, Schuhmachermeister, Tschalun
  3. Herr Josef Maria Rigert, Schuhmacher, Rössli
  4. Herr Georg Franz Nigg, Fluhhaus
  5. Herr Josef Müller, Ziegler
  6. Herr Alois Müller, Kirchenvogt
  7. Herr Sebastian Rigert, Schiffmacher
  8. Herr Johann Alois Camenzind, Kantonsrat
  9. Herr Andreas Rigert, Glaser, Rössli
  10. Herr Josef Maria Camenzind, Kantonsrat
  11. Herr Josef Maria Camenzind, Pfrundvogt, Metzgerei

Kirchliche Bestätigung der Bruderschaft

In einer spätern Versammlung obiger Stifter wurde beschlossen, die Gesellschaft zu einer kirchlichen Bruderschaft erheben zu lassen, um der geistlichen Segnungen und der kirchlichen Ablässe teilhaftig zu werden. Zu diesem Zwecke wurde der damalige Pfarrer Etter ersucht, bei der päpstlichen Nuntiatur in Luzern die geeigneten Schritte zu tun, dass Seine Heiligkeit Papst Pius VIII. die Bitte eröffnet und für die bezweckte Bruderschaft eine Bulle erlangt werden möchte. Der Pfarrer vollzog diesen Auftrag und am 10. April 1829 wurde diese Bulle in Rom ausgefertigt.

Papst Pius VIII. belobigte und genehmigte darin die eingesandten Statuten und erhob für alle Zeiten die fromme Gesellschaft zu einer eigentlichen Bruderschaft. Noch im gleichen Herbst, am 21. September 1829, erfolgte auch die definitive kanonische Errichtung der genannten Bruderschaft durch Fürstbischof Carolus Rudolphus von Chur.

Am 31. Januar 1830 wurde sowohl die päpstliche Bulle als auch die Approbation des Bischofs in der Pfarrkirche von der Kanzel verkündet und die Pfarrangehörigen zum Beitritt eingeladen. Unsere 4. und jüngste Bruderschaft in unserer Pfarrei war damit errichtet.

Verwaltung der Bruderschaft

Der ursprüngliche Charakter einer Bruderschaft und Berufsinnung der Schiffsleute von Gersau hat sich selbstverständlich mit der Einführung des Dampf- und Motorschiffsverkehrs auf dem Vierwaldstättersee immer mehr vermindert. Dafür hat sich die Bedeutung der St. Nikolausen-Bruderschaft in kirchlich-religiöser und charitativer Tätigkeit erhalten und verstärkt. Die finanziellen Mittel sind stark angestiegen und damit gehen jährlich ansehnliche Mittel an charitative Werke in der Gemeinde Gersau.

Die St. Nikolausen-Bruderschaft wird verwaltet durch elf Verwaltungsräte, gemäss der Zahl der elf Stifter von anno dazumal, welche bei Ersatz sich immer wieder selbst zu ergänzen haben. Die Ausgaben sind aus den jährlichen Zinsen der fondierten Beiträge zu bestreiten. Ein allfälliger Überschuss soll ganz oder teilweise nach dem Muster und Beispiel des heiligen Nikolaus zur Unterstützung Armer und Kranker und zu andern guten Zwecken verwendet werden. Die Verwaltung hat sich alljährlich einmal im Januar zu versammeln, die Rechnung zu prüfen, die Ämter zu besetzen und über den Überschuss der Einnahmen im Sinne der Bruderschaftsstatuten zu verfügen.

Die Namen aller um die Bruderschaft sehr verdienten Präsidenten von Anfang bis heute sind:

  1. Herr Kantonsrat Johann Alois Camenzind 1830 - 1831
  2. Herr Landamann Alois Küttel 1831 - 1834
  3. Herr Landammann Josef Maria Camenzind, Bachstatt 1834 - 1862
  4. Herr Landammann Josef Maria Camenzind, h. d. Kirche
  5. Herr Bezirksammann M. Camenzind, bei der Brücke 1862 - 1868
  6. Herr Bezirksammann Martin Camenzind, Regierungsrat 1869 - 1875
  7. Herr Kantons-Landammann Damian Camenzind 1876 - 1897
  8. HH. Alois Reichlin, Pfarrhelfer 1897 - 1913
  9. Herr Kantons-Landammann Josef Martin Camenzind 1913 - 1921
  10. Herr Kantonsrat Vinzenz Müller, zur Ilge 1921 - 1934
  11. Herr Kantonsrichter Karl Müller, Buchdruckerei 1934 - 1941
  12. Herr Bankrat Alois Camenzind, Konditor 1941 - 1959
  13. Herr alt Statthalter Julius Rigert, Belsito 1959 - 1965
  14. Herr alt Kantonsrat Konrad Nigg, Posthaus 1965 - 1977
  15. Herr Landschreiber Dr. Adalbert Camenzind 1977 - 1982
  16. Herr alt Kantonsrat Andreas Camenzind, Metzgermeister seit 1982

Ausstattung der Bruderschaft

Schon nach den ersten Satzungen der St. Nikolausen-Bruderschaft wurde gleich vom Jahre 1827 an in der Pfarrkirche eine Extrakerze unterhalten, die jeweilen bei den Bruderschaftsgottesdiensten und Bruderschaftsge-dächtnissen sowie an jedem Dienstag angezündet wurde.

Schon im Jahre 1835 wurde im Verwaltungsrat einstimmig beschlossen, an Stelle der bescheidenen Kerze eine eigene Bruderschaftsampel anzuschaffen; und es wurde eine solche in der originellen Form eines Meerschiffes von einem Luzerner Spengler ausgeführt. Diese sehr schöne und wertvolle Ampel, an welcher die hohe Segelstange den Kerzenschaft vertritt, bildet heute noch ein vielbeachteter Schmuck unserer Pfarrkirche (Bild oben auf dieser Seite).

Im Jahre 1838 hat Herr Landammann Josef Maria Camenzind hinter der Kirche ein schönes versilbertes Nikolausenbild angeschafft. In dieses Bild wurden die extra von einem Gersauer Pilger aus Rom hieher gebrachten Reliquien vom heiligen Nikolaus von Myra eingefasst.

Weitere Reliquien unseres Schutzheiligen sind enthalten in zwei ebenfalls sehr reich versilberten Reliquiarien in Form von prächtigen Pyramiden, die noch dann und wann auf unserm Hochaltare zu sehen sind.

Seit dem Jahre 1840 besass die St. Nikolausen-Bruderschaft auch ein eigenes Epitaphium, das bei Bruderschaftsgedächnissen aufgestellt wurde. Heute steht dieses verstaubt irgendwo im Glockenhaus.

Seit dem Jahre 1975 ist die Verwaltung der Bruderschaft im Besitze einer wertvollen Truhe in Nussbaum zur Aufbewahrung der Protokolle und Akten, gestiftet vom Ehrenpräsidenten, alt Statthalter Julius Rigert, Belsito, und geschaffen von Meister Anton Reichmuth, Holzbildhauer, Schwyz, aufbewahrt in der Eingangshalle der "Minerva".

Materielle Fundierung der Bruderschaft

Da die St. Nikolausen-Bruderschaft schon von Anfang an neben dem religiösen Ziele auch einen mildtätigen sozialen Zweck verfolgte, erhielt sie sehr bald und immer wieder besondere Gönner, die das Bruderschaftsvermögen stets durch verschiedene Stiftungen vermehrten.

Auswirkungen der Bruderschaft

Die St. Nikolausen-Bruderschaft stellte sich von jeher einen doppelten Zweck zur Aufgabe - einen religiösen und einen mildtätig-sozialen. Die Bruderschaft verausgabt daher ihr Geld zum Teil für die religiös-geistlichen Bruderschaftszwecke (für das Titularfest und für die Abhaltung der kirchlichen Gedächtnisse) und zum andern Teil für charitativ-soziale Zwecke (als Stipendien für Studierende und Lehrlinge und zur Unterstützung von Armen und Kranken).

Aus den Rechnungen aus dem 1. Jahrhundert, von 1827 bis 1927, sind folgende Summen verausgabt worden:

an kirchliche Feiern und Gedächtnisse Fr. 3'644.10, an Lehrlinge für Erlernung eines Handwerkes Fr. 3'905.50, an Studierende (Theologen und andere) Fr. 8'100.00, an charitative und soziale Einrichtungen Fr. 10'250.00 und an Hausarme und Kranke Fr. 15'270.00. Damit wurden im 1. Jahrhundert total Fr 41'169.60 ausgegeben.

Für die 50jährige Periode von 1927 bis 1977 haben sich diese Ausgaben mehr als verdoppelt. Es sind nachfolgende Zahlen: an kirchliche Feiern und Gedächtnisse Fr. 7'898.00, an Lehrlinge für Erlernung eines Handwerkes Fr. 24'880.00, an Studierende (Theologen und andere) Fr. 16'270.00, an charitative und soziale Einrichtungen Fr. 24'933.36 und an Hausarme und Kranke Fr. 30'632.78. Total wurden in den 50 Jahren von 1927 bis 1977 Auszahlungen von total Fr. 104'614.14 getätigt.

Allein schon aus dieser Aufstellung ist ersichtlich, dass sich der Bruderschaftszweck im Laufe der Zeit stark geändert. Wurde zur Beginn der Bruderschaft noch sehr viel Wert auf die religiösen Inhalte gelegt, dann ist die St. Nikolausenbruderschaft heute hauptsächlich charitativ tätig.

Mitgliedschaft:

In die Bruderschaft kann Jeder, der einen christlichen Lebenswandel führt, eintreten. Die Eintrittsgebühr beträgt Fr. 30.00 zu Lebzeiten und Fr. 15.00 nach dem Tode. Diese Eintrittsgebühren können vom Verwaltungsrat jederzeit geändert werden.

Verwaltung:

Im Moment setzt sich der 11-köpfige Verwaltungsrat, wie folgt zusammen:

Präsident: Ivo Camenzind-Küttel, Dipl. Ing., ETH, Ausserdorfstrasse 8, 6442 Gersau
Vice-Präsident: Rudolf Völkle-Cabrera, Dr. med. Arzt, Seestrasse 51, 6442 Gersau
Rektor: Edy Imhof,Diakon, Gütschstrasse 2, 6442 Gersau
Kassier: Thomas Camenzind, Stückistrasse 15, 6442 Gersau
Aktuar: Carl Meinrad Geisser, Seestrasse 8, 6442 Gersau
1. Revisor: Erwin Nigg, Dr. Musiker, Landammannstrasse 7, 6442 Gersau
2. Revisor: Pirmin Nigg-Niederberger, Küchenchef, im Acher 1, 6442 Gersau
Verwaltungsrätin: Hans Camenzind-Auf der Maur, Nüden, 6442 Gersau
Verwaltungsrätin: Monika Camenzind-Camenzind, Seestrasse 42, 6442 Gersau
Verwaltungsrat: Walter Camenzind, Bläuistrasse 2, 6442 Gersau
Verwaltungsrat: Edith Camenzind-Camenzind Dorstrasse 25, 6442 Gersau

Auf dem nebenstehenden Bild ist das eigentliche Signet der St. Nikolausen-Bruderschaft zu sehen. Eindeutig kann hier der Zusammenhang mit dem Schifferwesen abgelesen werden.



Aufnahmegesuche sind zu richten an:

Herrn
Ivo Camenzind-Küttel
Dipl. Ing. ETH
Ausserdorfstrasse 8
6442 Gersau
E-Mail: ivo.camenzind@bluewin.ch